
"Wie im Exil!"Auch über das akademische Angebot hinaus, hat Hamburg Studenten einiges zu bieten – denken wir zumindest. Doch wie empfindet jemand, der zum ersten Mal den hippen Norden Deutschlands erlebt? UNISCENE ist mit einer Münchner Studentin unterwegs in der Hansestadt.

Stippvisite im Rotlichtviertel
Doch gleich nach der Landung geht es erst einmal zur Unterkunft. Natalie und ihre Mitstudenten haben im Vorfeld Zimmer in einem Hotel gebucht, das kleinen Preis und Nähe zum Nachtleben vereint – und nebenbei direkt an der Reeperbahn liegt. Dass das Hotel früher ein Freudenhaus war, fand Natalie zuhause noch belustigend. Als sie nun aber tatsächlich vor der Herbertstraße steht, stockt ihr ein wenig der Atem. „Das ist ziemlich extrem hier, sowas kennt man nur aus Filmen“, sagt sie verblüfft. „In München wäre das undenkbar!“ Der erste Eindruck erschreckt, doch dafür entschädigt das Wetter: In München in kaltem Nieselregen gestartet, empfängt Hamburg in strahlendem Sonnenschein bei 20°C. Trotzdem fröstelt Natalie – die steife Brise am Wasser ist sie nicht gewohnt.

Als sie abends mit ihren Kommilitonen auf den Kiez geht, hat sich der Schrecken vom Vormittag in ein stimmiges, wenn auch nicht unbedingt attraktives Bild verwoben. Zwar wirkt die Gegend im Neonlicht immer noch etwas „heruntergekommen“ und die Leute dort sehen „ziemlich fertig“ aus, wie Natalie anmerkt – doch die heimelige Kneipenkultur am Hans-Albers-Platz, die einen starken Kontrast zu Münchner Szeneläden bildet, gefällt. So wird standesgemäß bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Als Natalie am nächsten Morgen beim Hotelpersonal verschlafen nach der öffentlichen Toilette fragt, gibt der Mann an der Rezeption schnoddrig zurück: „Büs du blind, dat Klo is dor vörn!“ Natalie, die eine freundliche Antwort erwartet hat, bleibt verdutzt zurück. Die flapsige Art des Angestellten überrascht sie, ist aber wohl nicht so ungewöhnlich für norddeutsche Verhältnisse. Kulturelle Unterschiede gibt es scheinbar nicht nur zwischen verschiedenen Nationen.

Wie kommt es, dass die aufgeschlossene 22-Jährige sich so fremd fühlt? Wir Studenten sehen uns doch gerne als große Kosmopoliten, als Weltenbummler, die überall zuhause sind. Wir sind die Generation, bei der Auslandserfahrung zum festen Bestandteil des Lebenslaufs geworden ist. Und doch sehnen wir uns im Prinzip nach einer festen Gruppe, in der wir uns geborgen fühlen, mit der wir uns stolz von anderen abgrenzen können. Große Jugendbewegungen gibt es heute nicht mehr und da sind es der Fußballverein, die Fangemeinde einer Musikgruppe oder eben die Stadt, die uns einen. Völlig gleich ist dabei, ob die typischen Eigenschaften der Gruppe positiver oder negativer Natur sind – Hauptsache anders. Nicht umsonst rümpfen Hamburger über die vermeintlichen Schicki-Micki-Münchner die Nase und die wiederum belächeln die Fischköppe. Denn mit der Identifikation kommt auch die Konkurrenz.
Einfach anders
Doch wie ist es denn nun so „beim Feind zu Besuch“? Natalie steht am Gate und wartet. Es geht zurück nach München. Auf die Frage, ob Hamburg die Traumstadt schlechthin für Studenten sei, runzelt sie die Stirn. „Meine Damen und Herren, wir sind nun zum Boarding bereit!“, tönt es aus dem Lautsprecher. Natalie springt auf und stellt sich in die Warteschlange. „Es hat mir hier wirklich gut gefallen und die Leute waren echt nett“, antwortet sie und überlegt noch einmal. „Aber Hamburg ist so anders als München und ich weiß nicht, ob ich mir hier zuhause fühlen könnte.“ Kurze Pause, über ihr Gesicht huscht ein schelmisches Grinsen. „Zum Feiern allerdings komm ich gerne noch mal her!“, lacht Natalie und verschwindet im Gang.


















